Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2016: die Autos der Klasse H

Klasse H – Designikonen der Siebziger und Achtziger

1971 Lamborghini Miura P 400 SV

1966, vor genau 50 Jahren, erschien mit dem Lamborghini Miura einer der faszinierendsten Sportwagen aller Zeiten. Der finale Höhepunkt der Baureihe debütierte am 11. März 1971 auf dem Genfer Salon in Gestalt des 385 PS starken Miura SV. Konkret: genau dieses Miura SV mit der Chassisnummer 4846, der auf dem Bertone-Stand ausgestellt war. Da er als Vorserienfahrzeug eine noch unvollständige Evolution des Miura S darstellt, weicht er vom späteren Serienmodell in manchen Details ab, die ihn zum Unikat machen – etwa durch die Verblendung um die Scheinwerfer herum. Nach einem bewegten Leben, das ihm unter anderem ein rotes Exterieur bescherte, kehrte er im Frühjahr 2015 an den Ort seiner Entstehung zurück: ins Lamborghini-Werk in Sant’Agata Bolognese, dessen Restaurierungsabteilung „Polo Storico“ gerade eröffnet worden war. Als erstes Fahrzeug, das dort in den Neuzustand zurückversetzt wurde, ist dieser Archetyp des P 400 SV bei den Feiern zum 50. Geburtstag des Miura ein besonders glanzvoller Vertreter.

Motor V-Zwölfzylinder, 3929 ccm Hubraum
Aufbauform Coupé
Karossier Bertone
Besitzer Adrien Labi (USA)


1976 Lamborghini LP 400 Countach „Walter Wolf“

Unter allen schillernden Figuren, die der bunte Grand-Prix-Zirkus der Siebzigerjahre zu bieten hatte, war Walter Wolf eine der spektakulärsten. Nachdem er die Formel-1-Teams von Hesketh und Williams übernommen und daraus seinen eigenen Rennstall geformt hatte, ließ er Jackie Ickx um die Weltmeisterschaft kämpfen. Auch im zivilen Verkehr setzte der austro-kanadische Ölmagnat auf schnelles Material: Sein Markenzeichen jener Jahre waren Lamborghini Countach, die er mit stärkeren Motoren ausrüsten und nach eigenem Geschmack veredeln ließ – etwa durch Breiträder im Fünfloch-Design und proportional ausgestellte Radläufe oder einen exaltierten Heckflügel. Da Lamborghini diese Details später ins Lieferprogramm des Countach S übernahm, gelten die insgesamt drei Wolf-Sonderkonfektionen als Prototypen für die zweite Serie des Supersportwagens. Wobei das zweite Exemplar, der hier präsentierte LP 400, das berühmteste ist: Kaum ein Traumauto zierte im Jahr 1977 so viele Titelseiten namhafter Magazine.

Motor V-Zwölfzylinder, 3929 ccm Hubraum
Aufbauform Coupé
Karossier Bertone
Besitzer Jota Collection (Italien)


1980 Lamborghini Athon

Ende der Siebzigerjahre schien festzustehen, dass die Zukunft des Automobildesigns in grafisch korrekten Linien und scharfen Winkeln liegt. Als der Athon 1980 ins Rampenlicht des 58. Turiner Salons rollte, galt er als Prototyp jener kurvenlosen Lehre. Die Form schuf Marc Deschamps, der als Bertones Chef-Stylist gerade Marcello Gandini beerbt hatte, die Basis bildete der nur 54mal gebaute Lamborghini Silhouette mit 260 PS starkem Dreiliter-V8-Motor. Vor allem folgte die Studie mit dem Namen eines ägyptischen Sonnengottes konsequent der Renaissance offener Autos: Bertone hatte für den Athon weder ein Verdeck noch Seitenfenster vorgesehen. Weit weniger sonnig klang der Pressetext zu dem Unikat: Bertone formulierte ihn wie einen hoffnungslosen Nachruf auf den Hersteller Lamborghini, der im Debütjahr des Athon unter Insolvenzverwaltung gerade einmal 64 Fahrzeuge fertigte. Dass die große Marke wenige Monate später gerettet wurde, ist bekannt – wie auch der Umstand, dass das Design der geometrischen Präzision doch nur eine kurze Scheinblüte war.

Motor V-Achtzylinder, 2996 ccm Hubraum
Aufbauform Roadster
Karossier Bertone
Besitzer Albert Spiess (Schweiz)


1982 Rolls-Royce Camargue Beau Rivage

Der von Pininfarina entworfene, 1975 lancierte Rolls-Royce Camargue galt während seiner elfjährigen Laufzeit als weitaus teuerstes Serienautomobil der Welt. Was manche Kunden und somit auch Vertreter der in jener Ära besonders aktiven Veredelungsbranche nicht davon abhielt, den preislichen Superlativ nochmals deutlich zu überbieten. Einer dieser Betriebe war die honorige Firma Hooper Coachbuilders, die 1805 als Kutschenbauer gegründet worden war und 1959 die Karosseriefertigung eingestellt hatte – um ab 1971 als Rolls-Royce-Vertragshändler zu firmieren, der noch im selben Jahrzehnt begann, sehr spezielle Kundenwünsche zu realisieren. 1982 kreierte Hooper den Camargue Beau Rivage, der im folgenden Jahr den Rolls-Royce-Stand auf dem Genfer Salon zierte. Das Unikat stellt unter allen 531 gebauten Camargue den einzigen mit Schiebedach dar, darüber hinaus weist er viele Luxus-Extras bis hin zum Fernseher auf. Bis 2013 blieb der Beau Rivage in erster Hand und ist noch immer im Originalzustand.

Motor V-Achtzylinder, 6750 ccm Hubraum
Aufbauform Coupé
Karossier Motor Panels
Besitzer Sven Stockmar (Deutschland)


1985 Aston Martin V8 Zagato

Anfang der Achtzigerjahre bestand ein echtes Vakuum an Supersportwagen; die Hersteller konzentrierten sich lieber auf eine politisch korrekte, von Vernunft geprägte Zukunft der automobilen Spezies. Insofern wirkt es wie ein kleines Wunder, dass sich Aston Martin und die Carrozzeria Zagato in dieser lebensfeindlichen Atmosphäre zusammentaten, um ein 432 PS starkes Granturismo-Extrem zu kreieren. Von einer gepflegten Traditionsverbindung beider Häuser konnte man zwar nicht sprechen. Doch die Rückbesinnung auf den sagenhaften Aston Martin DB4 GT Zagato von 1960 genügte allemal. Das Resultat zeigte sich als mutige Emanzipation vom Zwang der Familienähnlichkeit bisheriger Aston-Martin-Modelle, das beinahe futuristische Exterieur bot lediglich die Kühlergrillform als vagen Hauch eines Stallgeruchs. Der hier präsentierte V8 Zagato ist der einzige von vier Prototypen, der in unverändertem Originalzustand verblieb. Gleichzeitig gilt er als erstes Serienexemplar aller 52 Coupés, die bis 1990 entstanden.

Motor V-Achtzylinder, 5341 ccm Hubraum
Aufbauform Coupé
Karossier Zagato
Besitzer John Dehenny (Neuseeland)


1986 Ferrari Testarossa Spider

Bei der Konstruktion des Testarossa, der 1984 den Berlinetta Boxer als Ferraris Spitzenmodell ablöste, war nie mit einer offenen Variante disponiert worden. Dennoch entstanden in diversen Werkstätten entsprechende Modifikationen – zwölf sogar bei Pininfarina selbst, und zwar größtenteils für den Sultan von Brunei und mit Rechtslenkung bestückt. Indes war keiner dieser Umbauten von Ferrari legitimiert. Im Gegensatz zu einem einzigen Exemplar, das Ferrari sogar offiziell bei Pininfarina in Auftrag gab. Diesen silberfarbenen Testarossa Spider erhielt „l’Avvocato“ Gianni Agnelli im Juni 1986 anlässlich des 20. Jahrestages seiner Amtseinführung als Präsident des Fiat-Konzerns. Da er seit einem schweren Verkehrsunfall 1952 Probleme mit seinem linken Bein hatte, wurde dieser Spider mit einer speziellen Kupplung versehen, deren Bedienung auf Knopfdruck automatisch erfolgt. 1991 verkaufte Gianni Agnelli das Einzelstück mit der originellen Turiner Zulassungsnummer TO 00000G an einen Freund. Nachdem er es ausgiebig genutzt hatte wohlgemerkt.

Motor V-Zwölfzylinder (180° Bankwinkel), 4943 ccm Hubraum
Aufbauform Spider
Karossier Pininfarina
Besitzer Ronald Stern (Großbritannien)


 

Die weiteren Klassen

Klasse A – Vorkriegs-Dekadenz
Klasse B – Supercars vor 1945
Klasse C – Haute-Couture-Raritäten
Klasse D – kompakte Sportler
Klasse E – Mut zur Andersartigkeit
Klasse F – die Autos der Stars
Klasse G – GT von 1950 bis 1975
Klasse I – Rallyefahrzeuge von 1955 bis 1985

Texte: Wolfgang Blaube