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Die Mutter aller Straßen

Route 66

Die Mutter aller Straßen

Dass die Route 66 mehr ist als eine Straße, gehört vermutlich zu den wenigen Dingen, auf die sich die Menschen in den zutiefst gespaltenen USA heute noch einigen können. Die zweispurige Fernstraße ist asphaltierter Mythos, Sinnbild amerikanischer Freiheitssehnsucht und längst Teil der Popkultur. Ihre Spuren ziehen sich durch Literatur, Film und Musik. Als Mitte der zwanziger Jahre der Autoboom Fahrt aufnimmt, soll eine durchgehende Fernstraße das Herz der USA mit dem Pazifik verbinden: von Chicago, Illinois, quer durch den Kontinent bis nach Santa Monica, Kalifornien. Am 11. November 1926 wird schließlich der U.S. Highway 66 eröffnet. Auf seinen ursprünglich 2451 Meilen, also knapp 4000 Kilometern, durchquert er acht Bundesstaaten und drei Zeitzonen. 

Was später zum Inbegriff amerikanischer Autokultur wird, ist anfangs über weite Strecken nicht einmal asphaltiert. Während der Großen Depression wird die Route 66 für Farmer und Landarbeiter aus dem von Dürre und Staubstürmen geplagten „Dust Bowl“ zum Fluchtweg nach Westen. Ihre Hoffnung liegt in Kalifornien, in Arbeit, einem besseren Leben und einem Neuanfang. John Steinbeck macht die Straße in seinem Roman Früchte des Zorns zur „Mother Road“. Wenig später setzt Bobby Troup ihr mit (Get Your Kicks on) Route 66, berühmt geworden durch Nat King Cole, ein musikalisches Denkmal. Doch zum Mythos wird nicht allein das Asphaltband, sondern vor allem auch das, was an seinen Rändern empor pilzt. Motels, Diners und Tankstellen buhlen mit greller Neonreklame und immer ausgefallenerer Architektur um die Aufmerksamkeit der Vorbeifahrenden. Es ist die große Zeit der „Roadside Attractions“. 

Der Blue Whale of Catoosa, die Wigwam Motels und zahllose andere Kuriositäten haben im Grunde nur einen Zweck: Sie sollen Reisende dazu bringen, vom Gas zu gehen, auf die Bremse zu treten und nachzusehen, was zum Teufel hier los ist. Den Todesstoß versetzt der alten Fernstraße schließlich Präsident Dwight D. Eisenhower, indem er den Bau des Interstate Highway Systems vorantreibt. Die modernen, mehrspurigen Fernstraßen machen das Reisen schneller und effizienter. Und sie lassen Orte, die jahrzehntelang vom Verkehr der Route 66 gelebt haben, buchstäblich links liegen. Amerika kommt nun schneller ans Ziel. Aber auf dem Weg dorthin geht etwas verloren. Am 27. Juni 1985 hebt die US-Regierung die Bezeichnung „U.S. Highway 66“ auf. Doch schon kurz darauf beginnen Vereine und Anwohner damit, die Straße vor dem Verfall zu retten und ihr Erbe zu erhalten. Heute sind weite Teile der Strecke als „Historic Route 66“ ausgeschildert und stehen unter Denkmalschutz. Text Lukas Hambrecht Fotos Archiv, Fox Syndications

OLDTIMER PRAXIS 11/2026
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