Aus SONDERHEFT 23 – Meilensteine

Das Beste aus 40 Jahren – Motorenbau, Teil 2

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Werfen Sie mit uns anlässlich der Jubiläen von OLDTIMER MARKT (40 Jahre) und OLDTIMER PRAXIS (30 Jahre) einen Blick zurück auf die schönsten Geschichten aus beiden Magazinen! In OLDTIMER MARKT Sonderheft Nummer 23 ("Meilensteine") wirft Chefredakteur Peter Steinfurth einen humorvollen Blick auf den Motorenbau in aller Welt.

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Im zweiten Teil unserer Motorenbau-Weltreise werfen wir einen genauen Blick nach Deutschland, Frankreich und Japan. Den ersten Teil lesen Sie hier

Was uns bewegt

Alle Wege führen zum Viertakter – Teil 2

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Frankreich

Im Louvre, wo der erste V8 eigentlich hingehört, sucht man den Motor des De Dion- Bouton von 1910 allerdings auch vergebens. Stünde dort ein Denkmal typisch gallischer Fortbewegung, müsste es aus einem völlig überfüllten Aschenbecher und einer unberührten Öldose bestehen. Die automobile Leidenschaft des typischen Franzosen verläuft wie eine heftige Romanze: Er verliebt sich in ihre Formen (nicht umsonst heißt es la voiture), verbringt mit ihr stürmische Flitterwochen an der Côte D'Azur und nimmt sie anschließend mit nach Hause. Bereits kurz nach diesem Feuerwerk der Leidenschaften sind ihre Nehmerqualitäten gefragt. Sie muss die Einkäufe, die Boule-Kugeln oder die Wäsche schleppen und ihm ist es egal, ob sie sich dabei die frisch lackierten Fingernägel abbricht. Beim Ein- und Ausparken liebt er es auf die harte Tour und sie kann lange warten, bis er mal den Aschenbecher oder den Müll rausbringt. An der Tankstelle beantwortet er ihr stummes Flehen "Bringst du mir was mit?" mit einer Packung Gitanes für die Mittelkonsole. Eigentlich hatte sie eher einen Liter Öl und einen Hauch Wasser gemeint - aber rumzicken ist nicht, bei so einem Macho! Die Geschichte endet, wie sie enden muss: Nachdem sie ihm ihre besten Jahre geschenkt hat, und ihre Haut die ersten Falten zeigt, verliebt er sich in eine Jüngere. C'est la vie!

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Kein Wunder, dass sie (la voiture francaise) im Laufe der Generationen immer robuster wurde. Im Land der Feinschmecker ist Askese die größte Tugend der Motoren. 150.000 Kilometer ohne Ölwechsel? Biensur! Inspektion schon zum dritten Mal verschlampt? Pas de Probleme! Hätten Motoren so etwas wie Grundrechte – die französischen Autos wären Stammgast bei Amnesty International. Als Jeanne D'Arc im Kampf um Freiheit, Gleichheit und Ölwechsel wollen wir stellvertretend für all die Tapferen die unverwüstliche Ente hochleben lassen.

Stünde im Louvre ein Denkmal typisch gallischer Fortbewegung – es bestünde aus einem vollen Aschenbecher...

Motorenbau in Frankreich

Drehzahlen bis 7000 U/min verkraftete das Herz der Deux Chevaux Tag für Tag ohne zu klagen. Sie schleppte Lasten, die ebenso schwer waren wie sie selbst, verlor nie ihren Humor, war sparsam mit dem Haushaltsgeld und immer für uns da, wenn wir sie brauchten. Und bis auf wenige, aufrechte Freunde haben wir sie trotzdem sitzen lassen, wenn eines dieser Luxusweibchen in unser Leben trat. Wir sollten uns schämen! Erheben wir also ein Glas Champagner auf unsere alte Freundin. Santé! Auf deine Gesundheit – du kannst sie gebrauchen!

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Deutschland

Nikolaus August Otto, Wilhelm Maybach, Carl Benz, Gottlieb Daimler, Rudolf Diesel und Felix Wankel schauen mit ernster Mine aus ihren güld’nen Prunkrahmen auf deutsche Reißbretter herab. Unweigerlich krümmt sich der Rücken der Ingenieure unter der Last ihrer kritischen Blicke und immer tiefer senken sich ihre Nasen auf das Papier, um auch das letzte Detail noch einmal zu überprüfen. "Hast Du auch nichts falsch gemacht, mein Sohn?" scheint Ferdinand Porsche zu fragen, dessen Geist gelegentlich zwischen den Zeichnungen spazieren geht. Nein, es ist wahrhaftig keine Freude, in sehr große Fußstapten zu treten. Da bleibt keine Zeit für Schnörkel und Spielereien! Preußische Tugenden sind die Zier eines deutschen Motors: Absolut zuverlässig muss er sein, sparsam, langlebig, kraftvoll – und selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben. Ein Motor von Opel oder VW bringt dich immer überall hin. Eine Panne mit einem Mercedes? Lass dir für deine Frau oder deinen Chef lieber eine bessere Ausrede einfallen - oder kauf dir einen Alfa.

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Die Nachlassverwalter von Otto und Konsorten betrachteten es stets als eine Frage der Ehre, bei Bedarf Überlegenheit zu beweisen: Ein Silberpfeil ist bestenfalls vom Schicksal auszubremsen, aber nicht von der italienischen Konkurrenz. Ein Ingenieur, der eine solche Niederlage zu verantworten hätte, fände am Montagmorgen kommentarlos eine Pistole auf seinem Schreibtisch.

Nein, es ist wahrhaftig keine Freude, in sehr große Fußstapfen zu treten. Da bleibt kein Platz für Spielereien.

Motorenbau in Deutschland

Im Serienbau bewiesen die Traditionalisten der Innovation dagegen stets vornehme Zurückhaltung. Ein BMW-Sechszylinder säuselt derart dezent, dass sich das Abrollgeräusch der Reifen tosend in den Vordergrund drängt. Ein Mercedes-Motor braucht selbstverständlich auch nach 200.000 Kilometern zwischen den Ölwechseln keinen Tropfen extra. Der Käfer läuft und läuft und läuft - ebenso wie Opel der Zuverlässige. Den Überschwang der Leidenschaft jedoch überließen die Hüter des heiligen Grals den anderen. Perfektion duldet keine anderen Götter neben sich. Oder vielleicht doch? Porsche schaffte mit den heißen 911ern die Quadratur des Kreises: Unverwechselbarer Charakter, unbändiges Temperament, nicht eben unproblematisch im Umgang, aber ein präzises Werkzeug in der Hand der wenigen Eingeweihten. Und bei alledem trotzdem perfekt deutsch. Darauf ein Stuttgarter Hofbräu - aber trink es zügig, bevor der Schaum verschwindet.

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Japan

Vor ein paar Jahren kamen japanische Spezialisten nach Zuffenhausen, um den Porsche- Jungs zu zeigen, wie man Autos baut. Zuvor durften sie die schwäbischen Arbeitsabläufe studieren und fotografieren. Nachher waren die Autos nicht wirklich besser - aber Porsche brauchte nur noch die halbe Zeit pro Auto und der Technologiekonzern schrieb wieder schwarze Zahlen. Damit ist die japanische Variante des Motorenbaus eigentlich hinreichend beschrieben, und sie ist in etwa so sympathisch wie der Typ, der bis zum Abi von dir abgeschrieben hat und dir dann den letzten Studienplatz in Medizin vor der Nase wegschnappt.

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Dabei gerät leicht in Vergessenheit, was die Japaner wirklich groß gemacht hat: Ihre Fähigkeit, beim Kopieren die Fehler wegzulassen. Eine Yamaha XS 650 sieht aus wie ein klassischer englischer Gleichläufer- aber im Gegensatz zur Triumph Speed Twin ist die Yamaha vollgasfest. Im Mazda RX 7 gelangte der Wankelmotor zu einer Reife, die dem NSU Ro 80 gut zu Gesicht gestanden hätte.

Die japanische Variante des Motorenbaus: beim Kopieren einfach die Feler der Anderen weglassen

Motorenbau in Japan

Einen eigenen Charakter jenseits des emsigen Verbesserns und Verbilligens war im japanischen Motorenbau lange nicht zu entdecken. Er wirkte statt dessen wie diese seltsamen Fabelwesen, die blutleer und ausgestopft in bayrischen Gasthöfen zu finden sind: der Kopf vom Hasen, der Schwanz vom Eichhörnchen, mittendrin etwas Igel und ein paar Flügel vom Bussard. So ein "Wolpertinger" scheint die Eigenschaften vieler wilder Tiere in sich zu vereinigen - aber bei genauem Hinsehen ist er nur eines: tot. Eine eigene, lebendige Identität zeigten die japanischen Motoren erst, als sie anfingen, sich von ihren Vorbildern zu entfernen - zuerst die Motorräder, dann die Autos. Eine Bewegung, die mit den Vierzylindern von Honda begann: reinrassige Renntechnik, absolut alltagstauglich - und bezahlbar. Also Jungs, lasst uns nicht länger schmollen wegen der alten Geschichte mit dem Studienplatz. Wir stoßen an mit einer Tasse Tee. denn die Söhne Nippons trinken nicht im Dienst. Auf Euch, denn wer sonst hätte uns solche Motoren für ein Ei und ein Butterbrot verkauft?

  • Text Peter Steinfurth
  • Illustrationen Lothar Krebs

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Dies war der zweite Teil unserer humorvollen Motorenbau-Weltreise. Im ersten Teil warfen wir einen Blick auf England, Italien und die USA!

Das Beste aus 40 Jahren

Wir meinen, das ein Wiedersehen mit einigen unserer Storys Freude machen kann. Dieser Artikel stammt aus OLDTIMER MARKT Sonderheft 23 "Meilensteine" von 1999. Die bisher erschienenen Artikel finden Sie hier – weitere sind bereits in Planung. Schauen Sie doch ab und zu mal wieder vorbei!