Aus OLDTIMER PRAXIS 9/2012

Das Beste aus 40 Jahren – Der letzte Kaiser

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Werfen Sie mit uns anlässlich der Jubiläen von OLDTIMER MARKT (40 Jahre) und OLDTIMER PRAXIS (30 Jahre) einen Blick zurück auf die schönsten Geschichten aus beiden Magazinen! In OLDTIMER PRAXIS 9/2012 berichteten wir von drei Enthusiasten, die sich eines besonderen Restaurierungsobjekts annahmen, dem vielleicht letzten Kaiser Stromlinienwagen

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Der letzte Kaiser

Nach über 50 Jahren brettert wieder ein Kaiser Stromlinienwagen über die Straßen von Sachsen-Anhalt. Das wahrscheinlich einzige überlebende Exemplar schlummerte lange Zeit vergessen in einem Keller. Drei Enthusiasten wagten die Restaurierung.

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Nur Flügel und Propeller fehlen noch: Dem Dreirad mit dem Zeppelinbug ist anzusehen, dass sein Erfinder aus der Luftfahrt kam. Flugzeugingenieur Theodor Kaiser konstruierte in den 1930er Jahren flotte Zweisitzer mit Motorradtechnik. Das außergewöhnliche Konzept führte auch die Entdecker und Restaurierer des letzten deutschen Kaiser auf Neuland.

Blaue Mauritius der Oldtimer

Vier Platten Flugzeugsperrholz, drei Millimeter stark, zweieinhalb Kilo Leim, neun Quadratmeter Baumwollgewebe, zwei Kilo Spannlack farblos. Das klingt nicht wie der Einkaufszettel eines Autorestaurierers. In der Tat aber hat Klaus Breitschuh genau diese Posten bei einer Bamberger Flugzeugwerft geordert, um die Außenhaut seines Kaiser Stromlinienwagens wieder herzustellen. "Sie war durchlöchert und grob geflickt", erzählt der Quedlinburger Antiquitätenhändler. "Das Fahrzeug hat wohl im Krieg einen Treffer abbekommen. Ein Granatsplitter steckte noch im Boden."

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Holzarbeiten sind dem 68-jährigen Möbelrestaurator geläufig, aber die Rekonstruktion einer Leichtbau-Karosserie im Flugzeugdesign stellte ihn und seine Mitstreiter Karl-Heinz Eyserth und Andreas Marscheider vor gänzlich neue Aufgaben. "Es war schon ein großes Abenteuer", sagt Breitschuh und denkt dabei auch an die Zweifel, ob er sich auf das anspruchsvolle Projekt einlassen sollte. Das war ganz am Anfang, als ihm kein Mensch sagen konnte, worum es sich bei dem ominösen Vehikel handelte, das laut Typenschild ein "Kaiser 501", Baujahr 1935, sein sollte. "Womöglich hast Du so eine Art Blaue Mauritius der Oldtimer gefunden", hatte sein Freund Eyserth ihn bestärkt, die wild durcheinander liegenden Einzelteile zu kaufen.

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Wirklich eine gute Idee? Entdeckt hatte Breitschuh die eigentümlichen Technik-Relikte bei einer Haushaltsauflösung im Nachbarort Ballenstedt. Die Teile lagen dort offenbar schon lange im Keller. Der Kunstexperte dachte erst an die Fragmente eines Motorrades mit einem sehr großen Beiwagen. Dann fand sich aber ein zerfledderter Prospekt über den "Stromlinienwagen" der Kaiser-Fahrzeugbau Oschersleben, der mit beachtlichen Eigenschaften wirbt: Der stärkste erhältliche Motor mit 20 PS sollte das Dreirad bis auf 120 Stundenkilometer beschleunigen, bei einem Benzinverbrauch von nur 3,2 Litern, "dank aerodynamisch einwandfreier Stromlinie auf Grund vielseitiger Erfahrungen im Flugzeugbau". Für das Wrack im Keller hatte es anscheinend früher schon mal einen Interessenten gegeben. "Noch zu DDR-Zeiten war beabsichtigt, den Wagen in den Westen zu bringen", weiß Breitschuh. "Zu diesem Zweck hat man ihn zerlegt und dann einfach so liegen lassen, nachdem sich der Plan zerschlagen hatte."

Rat vom Flugzeugbau-Experten

Zur Bestandsaufnahme der Neuerwerbung steckte das Restaurierer-Trio das Puzzle erst einmal provisorisch zusammen. Keine leichte Aufgabe ohne technische Unterlagen, aber mit motivierendem Ergebnis: Lediglich eines der Instrumente im Armaturenbrett, das Amperemeter, und die Tachowelle waren über die Jahre abhanden gekommen. Was ebenfalls positiv überraschte: Die roten Kunstlederbezüge der beiden Einzelsitze waren unbeschädigt und nach einer Reinigung wie neu. Sogar die Gläser der originalen Bosch-Scheinwerfer zeigten sich unversehrt. Der jahrzehntelange Dornröschenschlaf des Kaiser war offenbar weitgehend ungestört.

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Für Motorenmann Marscheider ist es ein besonderer Glücksfall, dass der originale Halbliter-Einzylinder noch vorhanden ist: "Zu DDR-Zeiten hätte mancher Motorradbastler einiges darum gegeben, an den NSU-501-OSL-Viertakter zu kommen." Ebenfalls im Bestand fand sich ein kompaktes Hurth-Dreigang-Getriebe mit Rückwärtsgang. Die Antriebstechnik des Kaiser ruht in einem motorradähnlichen Rahmenteil vor dem Hinterrad. Sie ist unter einer nach hinten spitz zulaufenden Blechhülle verborgen, die nur leichter Richtarbeiten und einer Lackierung bedurfte. Motor und Getriebe sind übereinander angeordnet, der Einzylinder ragt nach oben heraus. Das Ganze ist an die zeppelinartige selbsttragende Karosserie montiert, die aus einem Hartholzgerippe mit Stahlrohrverstärkungen besteht. Sämtliche Stahlteile waren perfekt erhalten und das Gerüst erwies sich größtenteils als intakt. Die Beplankung aber war derart verschlissen, dass das Team sich an dieser Stelle zur Radikalkur entschloss – und dabei dann auf unerwartete Probleme stieß.

Wir mussten uns erst bei Flugzeugbau-Experten schlau machen, um herauszufinden, wie Kaiser gearbeitet hat und welches Material zu verwenden ist.

Karosseriebauer Eyserth über die Schwierigkeiten bei der Kaiser-Restaurierung

"Es gelang zunächst nicht, neue Sperrholzplatten auf die Spanten zu nageln und die korrekten Wölbungen herzustellen", erzählt Karosseriebauer Eyserth. "Wir mussten uns erst bei Flugzeugbau-Experten schlau machen, um herauszufinden, wie Kaiser gearbeitet hat und welches Material zu verwenden ist. Mit dem dünneren Flugzeug-Sperrholz funktionierte es dann: Man feuchtet es an, befestigt ein Segment einseitig mit Nägeln und Schraubzwingen und zieht dann die andere Seite mit Zwingen bei. Dann wird Baumwollgewebe aufgeleimt und mit Spannlack in mehreren Schichten lackiert, ein extrem langwieriges Verfahren."

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Ebenfalls zeitraubend war das Restaurieren der Alu-Leisten, die die Fugen der einzelnen Segmente abdecken. Jemand hatte etliche Meter davon demontiert und wohl zur leichteren Handhabung zusammengefaltet. Diskussionen gab es über die barocke Rosette auf der Bugspitze, die nicht recht zur avantgardistischen Anmutung passen will. "Ist wirklich original", konnte Breitschuh melden, nachdem er den Sohn des Tüftlers Kaiser ausfindig gemacht und historische Fotografien erhalten hatte.

Knifflige Details

Unterdessen hatte Schrauber Marscheider manche Technik-Nuss zu knacken. Dabei war die Revision des Triebwerks noch die leichteste Übung. "Der Motor war zwar mit einer dicken silbernen Farbschicht völlig zugekleistert, der ich nur mit Sandstrahlen beikommen konnte, ansonsten präsentierte er sich aber in bemerkenswert gutem Zustand." Eine der offen liegenden Haarnadel-Ventilfedern des obengesteuerten 500ers war gebrochen und früher schon mal gelötet worden. Der Restaurierer ergatterte ein gutes Gebrauchtteil und benötigte außerdem nur noch einen Satz Dichtungen.

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Knifflig gestalteten sich allerdings unzählige Details wie die Montage des Ventilaushebers, der beim Motorrad am Lenker bedient wird, beim Kaiser jedoch mit einem roten Hebel direkt am Zylinderkopf. Das Arrangement aus Hebel, Welle und Exzenter passt nur in einer ganz bestimmten Position. Als Nervenprobe entpuppte sich die Rekonstruktion des Technik-Arrangements insgesamt, das im Rahmen mit diversen ineinander gesteckten und verschiebbaren Rohrhülsen befestigt ist. Somit sind Hinterradschwinge sowie Motor- und Getriebehalterung multipel verstellbar, unter anderem zur Justierung der Kettenvorspannung zwischen Motor und Getriebe. "Ein echter Sklavenjob, da etwas einzustellen", resümiert Marscheider. Kette zwei treibt das Hinterrad an und wird eingestellt, indem man die ineinander gesteckten Hälften der zweiteiligen Schwinge auseinander zieht, Kette drei bewegt die Lichtmaschine und Zündung. "Die müssen alle in der Flucht passen. Nur um das hinzubekommen, habe ich einen Tag gebraucht." Und: Wird das Getriebe nur einen Zentimeter verschoben, stimmt die Einstellung des Schaltgestänges nicht mehr.

Ein Konstruktionsfehler? Der Kraftstofftank vor dem Motor liegt so tief, dass bei Bergabfahrt die Spritzuführung versagt.

Bemerkenswert auch die Hinterradfederung: In einem U-förmigen Rohrrahmenteil stecken zwei Führungsrohre, Spiralfedern und als Endanschlag – Flaschenkorken! In der Motoraufhängung dient schnöder Gewebeschlauch als Dämpfungselement. Die Materialwahl kündet von schweren Zeiten, in denen Techniker wie Kaiser zu improvisieren wussten. Apropos: Noch etwas mysteriös ist die Position des Graetzin-Zweischieber-Vergasers, der nicht in der vorgesehenen Aussparung der mittigen Rückenflosse sitzt, sondern mit einem gebogenen Krümmer nach der Seite und tiefer positioniert wurde. Möglicherweise die Korrektur eines Konstruktionsfehlers: Der Kraftstofftank vor dem Motor liegt so tief, dass bei Bergabfahrt die Spritzuführung versagt. Marscheider: "Der Motor müsste tiefer sitzen, was wegen der nötigen Fahrtwindkühlung aber nicht machbar ist."

Das Fahren verlangt Konzentration

Spätere Kaiser-Modelle hatten unten liegende Motoren mit Gebläsekühlung. Eine Sache für sich ist die fragil erscheinende Vorderradführung. Es gibt einfache, nach oben offene Federbeine und die Lenkung hat auf nur einer Seite Spurstangenköpfe, gegenüber Gabeln. Die Arbeit daran ist fummelig. "Das wünsche ich keinem", sagt Marscheider. Mittlerweile aber "läuft der Wagen wunderbar geradeaus, schwingt sich nicht auf und die Lenkung ist extrem direkt. Schlaglöcher mag er allerdings gar nicht." Die Fahrleistungen konnte der Restaurierer auf der Oscherslebener Rennstrecke testen. "Das Gerät zieht gewaltig los. Tempo 80 bis 90 geht schon ohne Angst, wenn ich die Sache mit den Pedalen beherrsche: Bremse und Gas sind vertauscht, das verlangt äußerste Konzentration. Besonders Rangieren ist schwierig, wenn es schnell gehen soll. Man hat ja auch sonst noch einiges zu tun." Marscheider deutet auf die beiden Verstellhebel für Gemisch und Zündung am Armaturenbrett: "Macht auch richtig Spaß, wenn man einen davon betätigen will und weiß gerade mal wieder nicht, welchen."

  • Text Alexander Polaschek
  • Fotos Stephan Lindloff

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Das Beste aus 40 Jahren

Wir meinen, das ein Wiedersehen mit einigen unserer Storys Freude machen kann. Dieser Artikel stammt aus OLDTIMER PRAXIS 9/2012. Die bisher erschienenen Artikel finden Sie hier – weitere sind bereits in Planung. Schauen Sie doch ab und zu mal wieder vorbei!