Klassiker zum Minipreis

Klassiker zum Minipreis

Mein "Neuer" ist ein Audi 80 B3, Typ 89. Zur üppigen Ausstattung zählen mechanisch zu kurbelnde Fenster in sämtlichen Türen, ebensolche Knöpfe zum Verriegeln und für den verwöhnten Eos-Fahrer ein Stahlschiebedach. Anders als bei aktuellen Autos ist also jede Tür und jede Klappe individuell zu ver- oder entriegeln. Ein Radio beta Cassette verspricht spannende Stunden mit Benjamin Blümchen, den Rubettes oder Nino De Angelo. :D

Trotz dieser exklusiven Zutaten trägt er als Vertreter der U30-Generation kein H-Kennzeichen, sondern eine G-Kat-Umweltplakette in grün; der Farbe seiner Polster. In Kombination mit einem Kaltlaufregler, den die Vorbesitzerin spendierte, kostet das 108 Euro Steuern und damit fährt der Audi billiger als ein Oldtimer und zum gleichen Tarif wie ein Neuwagen.

Der Erstbesitzer wäre inzwischen 102 Jahre alt. 2005 übernahm den Wagen darum sein Sohn, der inzwischen seinen 70. Geburtstag feierte, und schließlich 2010 die bisherige Halterin. Mit 53 Jahren bin ich also der Jungspund unter den Audibesitzern.

Entsprechend gibt es leichte Spuren mangelnden Einparktalents. Dafür hat der Kilometerzähler nachweislich erst 79.100 davon zählen müssen. Es gab schon einen neuen Zahnriemen, eine nachgerüstete Anhängerkupplung und frischen TÜV. Zusammen mit einem prähistorischen Satz Winterrädern, ziemlich frischen 175er Sommerrädern und 70 Litern noch frischerem Super im Tank summierte sich der Kaufpreis auf stolze 620 Euro, die ich der begeisterten Verkäuferin ungerührt bar auf den Küchentisch blätterte. Erst dann erhielt ich den einzigen verbleibenden Zündschlüssel und eine Mappe mit lückenlosen TÜV- und Wartungsberichten, Bedienungsanleitung, Serviceheft sowie eine Stadtkarte von Hannover, Stand 1980.

Künftig bin ich also Herr über fast siebzig Pferdestärken, die in der silbernen Limousine schlummern, aber jederzeit zum Sprung bereit sind. Dank des langen Fünfganggetriebes ist erst bei 168 km(h Schluss, aber natürlich kann man den Audi auch, wie meine Vorbesitzer, deutlich langsamer fahren.

Meinen ursprünglichen Plan, den Audi nur einen Winter zu behalten, ahbe ich nach einer tollen Wintersaison mit 7000 km wieder verworfen. Der Wagen ist schlicht zu gut und mit 7,5 Litern auf 100 auch sparsam. Mein Lackierer hat sich der gröberen Spuren bereits angenommen; eine Zustand-1-Vollrestaurierung ist nicht geplant. Sogar meine 20jährige Tochter ist auf den Geschmack gekommen und leiht sich den silbernen Audi gerne mal aus. Ihr moderner Kleinwagen hat dann Pause.

Den Sommer verbringt der Audi in einer Tiefgarage, erst im Herbst tauscht er mit meinem Eos Cabrio die Plätze.